Weltweit wird nach Lösungen und Therapien bei Alopecia areata geforscht.

Ruxolitinib oder Tofacitinib – ein Wundermittel gegen Areata?

Fortschreitender Haarausfall kann eine enorme seelische Belastung sein und die Lebensqualität massiv vermindern. Der Leidensdruck ist groß, deshalb
wecken Schlagzeilen wie „Alopecia areata geheilt“, „Krebs-Medikament hilft gegen kreisrunden Haarausfall“ oder „Ruxolitinib und Tofacitinib bringen kahle Stellen zum Verschwinden“ verständlicherweise gewaltige Hoffnungen bei den Betroffenen. Aber wo Licht ist, ist auch Schatten – was einerseits gut wirkt, hat oft starke Nebenwirkungen.

 

Ruxolitinib
ist ein Medikament, das gegen Blut- und Knochenkrebs eingesetzt wurde. Dieses Arzneimittel ist ein schweres Geschütz mit teils massiven Nebenwirkungen – eine davon ist, dass kreisrunder Haarausfall bei manchen Patienten gemindert oder geheilt werden kann. Laut einer älteren Studie wuchsen bei einigen (nicht bei allen) Patienten mit kreisrundem Haarausfall (Alopecia areata) die kahlen Stellen nach mehreren Monaten der Medikamenten-Einnahme wieder komplett zu.

 

Tofacitinib
wurde ursprünglich gegen rheumatoide Arthritis (sehr schmerzhafte, rheumatische Gelenkentzündung , die die Gelenke mit der Zeit komplett zerstören kann) eingesetzt. Hier gilt das Gleiche wie für den Wirkstoff Ruxolitinib: auch Tofacitinib ist ein Medikament mit sehr starken Nebenwirkungen, das aber bewirken kann, dass sich bei kreisrundem Haarausfall kahle Stellen wieder komplett schließen. Die Columbia University of New York hat eine neuere Studie mit zwölf Patienten durchgeführt, diese erhielten über zwölf bis vierundzwanzig Wochen täglich Tofacitinib. Vorläufiges Ergebnis: Bei nur drei Probanden wuchs wieder dichtes Haar, es wurde aber festgestellt, dass Tofacitinib Anämie (Blutarmut) hervorrufen kann.

Die Wirkungsweise von Tofacitinib und Ruxolitinib

Tofacitinib und Ruxolitinib wirken nur bei Alopecia areata, bei anderen Formen des Haarausfalls helfen sie nicht. Beide Medikamente werden gegen völlig unterschiedliche Krankheiten eingesetzt, aber sie haben eine Gemeinsamkeit: sie enthalten Januskinase-Inhibitoren (JAK-Inhibitoren). Januskinasen sind Enzyme, die im Körper von Alopecia areata-Patienten vorhanden sind und den kreisrunden Haarausfall verursachen. JAK-Inhibitoren in beiden Medikamenten bremsen diese Enzyme und verhindern, dass sie Schaden anrichten.
Die Wirkstoffgruppe der JAK-Inhibitoren wurden zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen entwickelt, zu denen der kreisrunde Haarausfall gezählt wird. Bei einer Autoimmunerkrankung greift das körpereigene Abwehrsystem eigene Zellen an und zerstört sie versehentlich, weil es sie für Krankheitserreger hält – in diesem Fall die Zellen der Haarwurzeln. JAK-Inhibitoren haben eine sogenannte immunsuppressive Wirkung, das heißt, sie unterdrücken das gesamte Abwehrsystem. Die Folge ist eine allgemeine Abwehrschwäche – das kann große Anfälligkeit für Infektionen aller Art bedeuten.

Massive Nebenwirkungen von Tofacitinib und Ruxolitinib

Häufig auftretende Nebenwirkungen von Ruxolitinib sind Kopfschmerz und Schwindel und eine Erhöhung des Blutdrucks. Auch eine Verminderung der Blutplättchen (Thrombozyten) und weißer Blutkörperchen (Leukozyten) wurde in Studien beschrieben. Wenn die Thrombozyten vermindert sind, funktioniert die Blutgerinnung nur unzureichend, es kann durch geringfügige Verletzungen zu starken Blutungen kommen. Fehlen Leukozyten, besteht Abwehrschwäche gegen Infektionen (besonders der Bronchien und Lungen), da diese weißen Blutkörperchen für die Abwehr von Krankheitserregern zuständig sind.
Die Nebenwirkungen von Tofacitinib sind noch deutlich schwerer. Auch hier kann eine allgemeine Abwehrschwäche gegen alle Arten von Krankheitserregern auftreten. Tofacitinib ist in den USA erst seit November 2012 zugelassen zur Behandlung von rheumatoider Arthritis, wird aber auch gegen Schuppenflechte (Psoriasis) mit Haarausfall und kreisrunden Haarausfall eingesetzt.
Der Hersteller von Tofacitinib legt eine Studie vor, in der 958 Patienten den Wirkstoff gegen rheumatoide Arthritis verabreicht bekamen. Bei niedriger Dosierung erreichten etwa 25 Prozent der Probanden, bei höherer Dosierung etwa 38 Prozent einen Rückgang der Erkrankung um etwa 70 Prozent. Das Medikament brachte hier eine Verbesserung, bewies sich aber nicht als das Wundermittel gegen Rheuma oder Haarausfall. Langzeiterfahrungen mit Tofacitinib bei Rheumapatienten deuten auf eine leberschädigende Wirkung hin – es zeigten sich auffällig veränderte Laborwerte. Fünf Patienten dieser Studie erkrankten an Krebs, davon hatten drei Lymphome (Lymphdrüsen-Krebs), einer starb an Non-Hodgkin-Lymphom und einer an Darmkrebs. Vor diesem Hintergrund hat die europäische Arzneimittelagentur EMA im April 2013 die Arzneimittel-Zulassung verweigert. Sie war von den Vorteilen des Medikaments nicht zu überzeugen angesichts der hohen Krebsrate, die diesen gegenüber stand. Deshalb hat das Mittel in Europa keine Zulassung bekommen und ist hier nicht erhältlich.